Meldungen aus dem Bezirksverband

Kindergräber in Rastede

Aus der Arbeit des Volksbunds: Orte, Objekte und Schicksale - Johanna Knoop über ihre ersten Erfahrungen mit Kriegsgräbern

Grabfläche mit den Gräbern der 192 überwiegend polnischen Kinder auf dem Rasteder Friedhof. Foto: Volksbund Weser-Ems, Marco Wingert.

Der Beginn meiner Tätigkeit als neue Bildungsreferentin beinhaltet auch das Erkunden und Kennenlernen der Orte, auf denen meine zukünftige Bildungsarbeit fußen soll: die Friedhöfe und Grabstäten im Bezirk Weser-Ems. Ob erschlossen oder versteckt, groß oder klein, einheitlich oder vielfältig - die Bandbreite ist groß und eindrücklich. In den kommenden Monaten möchte ich einige von ihnen vorstellen. 

Evangelischer Friedhof in Rastede

Wie im gesamten Deutschen Reich arbeiteten auch im Ammerland Zwangsarbeiter*innen, die aus ihren Heimaten verschleppt und Opfer der physischen und psychischen Ausbeutung des nationalsozialistischen Systems wurden. Besonders hart war die Situation für Zwangsarbeiterinnen, die schwanger wurden. Nach dem perfiden Rassensystem der Nationalsozialisten waren es vor allem die schwangeren Frauen aus den damaligen Ostgebieten, die keine ausreichende Versorgung für sich und ihre Kinder verdient hätten. Folgende Meldung des SD lassen die prekäre Situation, der schwangeren Frauen erahnen: „(…)Für die Behandlung des Polentums müsse in erster Linie der volks- und rassepolitische Standpunkt entscheidend bleiben. Von diesem Blickpunkt aus sei aber der polnische Nachwuchs äußerst unerwünscht, so daß auch jede nur indirekte Förderung, wie sie z. B. durch die Gewährung von Zusatzmitteln an schwangere Polinnen erfolge, konsequent unterbunden werden müßte.“ Die Umsetzung dieser „volks-und rassepolitischen Standpunkte“ führten zu einer 50-90-prozentigen Todesrate bei den Säuglings-und Entbindungsheimen.

Die Befreiung durch die Alliierten beendete das Leid der nun mehr als Displaced Persons eingestuften, ehemaligen Zwangsarbeiter*innen nicht sofort. Davon erzählen die Gräber von 192 Kindern, die auf dem Rasteder Friedhof liegen. Viele von ihnen waren polnisch und erst nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges geboren und verstorben. Wieso setzte sich das Sterben auch nach der Befreiung fort? Die Gründe sind vielfältig: die jahrelange Ausbeutung hat den Gesundheitszustand, vor allem bei den polnischen und sowjetischen Frauen sowohl körperlich als auch mental verschlechtert, viele waren zudem hoffnungs- und kraftlos. Hinzu kamen die mangelhafte Versorgungslage; die hygienischen Bedingungen und medizinische Versorgungen waren katastrophal, es gab nur wenig Nahrung und zudem war der Winter 1946/47 besonders kalt und lang. 

Die vergleichsweise hohe Zahl toter Kinder auf dem Rasteder Friedhof erklärt sich durch das nahe liegende Entbindungsheim im ehemaligen Lager Hahn, in dem auch die schwangeren Frauen und Säuglinge der umliegenden Lager aufgenommen und deren Leichen schlussendlich nach Rastede gebracht wurden. Seit den 1960er Jahren erinnern dort graue Grabsteine als flache Steinplatten in den Boden integriert an ihr oftmals viel zu kurzes Leben. Dennoch: Über das Schicksal der Frauen und ihrer verstorbenen Kinder ist nur wenig bekannt.

Das Jahr 2020 ist geprägt von Erinnerungen- und Gedenktagen anlässlich des 75. Jahrestags des Kriegsendes. Zeitzeug*innen kommen zu Wort, erzählen von ihren Erinnerungen und mahnen. Jene, deren Leben beendet wurde, bevor es überhaupt richtig angefangen hat, können nicht mehr gehört werden und es kann niemand für sie sprechen. Viele von ihnen hätten in diesen Jahren ihren 75. Geburtstag gefeiert.


HABEN SIE…

sich mit der Geschichte und den Biographien auf dem Rasteder Friedhof beschäftigt und möchten Ihre Kenntnisse teilen? Oder möchten Sie sich den Ort mithilfe unserer Unterstützung didaktisch erschließen und für Bildungsarbeit aufarbeiten? Dann kontaktieren Sie uns gerne unter bv-weser-ems@volksbund.de

Quellen:
Kusch,Rita; Zihn, Werner. 2009. Wanderer, kommst du nach Ra…, Die so genannten polnischen Kindergräber auf dem Ehrenfriedhof in Rastede. In Rasteder Sternstunden, S. 227 – 247. Isenee Verlag.
Hoffmann, Katharina. 1999. Ausländische ZwangsarbeiterInnen in Oldenburg während des
Zweiten Weltkrieges. Eine Rekonstruktion der Lebensverhältnisse und Analyse von Erinnerungen deutscher und polnischer ZeitzeugInnen. Carl-von-Ossietzky Universität Oldenburg.
SD-Meldung vom 9.10.1941, zit. n. Boberach: Meldungen aus dem Reich. Bd. 8, S. 2858.

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